Tradition der Fleckensgilde: Der Tanz der Befreiung

Mit dem Tanz um den Roland, hier im vergangenen Jahr, wird das Vermächtnis von Jürgen Fuhlendorf erfüllt. FOTO: BMD

BAD BRAMSTEDT. (BMD) Pfingsten ist in Bad Bramstedt Gildezeit. Da trifft man Herren in „swatter Kledage“ und Zylinder. Artig erwidert man deren Gruß „de Gill schall leben“ zu Hochdeutsch „die Gilde soll leben“. Der sogenannte „1. Jüngste“ kommt am Pfingstmontag mit einem abenteuerlichen Gefährt daher, und am Pfingstdienstag muss der Bürgermeister dem Vorstand der Fleckensgilde den Stadtschlüssel herausgeben und den Gildebefehl entgegennehmen. Schließlich tanzen die Bad Bramstedter am Dienstagabend um den Roland, das Wahrzeichen ihrer Stadt.

Das alles hat eine lange Tradition und einen ernsten Hintergrund, der auf die Fleckenbefreiung durch Jürgen Fuhlendorf zurückgeht. Dabei ist keine Vereinigung von Bad Bramstedt älter als die Fleckensgilde. Belegt ist die Jahreszahl 1560, doch es ist wahrscheinlich, dass die Gilde wesentlich älter ist. Das Gildenwesen in Europa entstand bereits im Mittelalter. Gilden waren früher ein Zusammenschluss von Kaufleuten und Handwerkern oder auch religiös Gleichgesinnten, mit dem Ziel, die eigenen Interessen zu fördern und die Mitglieder zu schützen.

Der Leibeigenschaft entkommen

Ein wichtiges Ereignis, das eng mit dem Gildenwesen in Bad Bramstedt verbunden ist, geht auf das Jahr 1685 zurück. Der damalige Eigentümer des Gutes Bramstedt, Baron von Kielmannsegg, wollte die Bürger zu Leibeigenen degradieren. Er besaß einen Schuldschein, in dem der dänische König Friedrich III. im Jahre 1665 den Flecken Bramstedt zur Sanierung des dänischen Staatshaushaltes auf unbestimmte Zeit verpfändet hatte. Die Bestrebungen des Barons scheiterten jedoch an dem heftigen Widerstand der Bramstedter unter ihrem Fleckensvorsteher Jürgen Fuhlendorf. In einer beispiellosen Aktion kauften sich die Bürger mit 14.000 Talern frei. Ein Taler entsprach damals dem Wert eines 90 Kilogramm schweren Schweines. Da sich 69 Bürger an der Aktion beteiligten, lässt sich bei einer umgerechneten Summe von circa 2,1 Millionen Euro hochrechnen, dass jeder Bürger etwa 30.400 Euro nach heutigem Wert besteuern musste.

Zum Dank an die entgangene Leibeigenschaft, so die Überlieferung, sollen die Bramstedter jeweils am Dienstag nach Pfingsten dreimal um den Roland tanzen. Doch vor diesem Höhepunkt der Gildenfeierlichkeiten gibt es eine Reihe von Aktivitäten, die bereits am 7. Mai mit der Schuhspende des Schuhhauses Möck an den „1. Jüngsten“, das ist der unterste Rang des Gildevorstandes, begann. Es folgen am Pfingstsonntag der Gottesdienst, am Pfingstmontag wird bereits um „Klock acht“ der Jüngste empfangen, der mit einem originellen Gefährt erscheint. Dann um 10.30 Uhr der große Inspektionsgang des Gildevorstandes durch die Stadt. Und schließlich der Dienstag nach Pfingsten, wo bereits um 8 Uhr das Rathaus in Beschlag genommen wird und der Bürgermeister einen Gildebefehl erhält, meistens, um einen Missstand in der Stadt abzustellen.

Tanz ums Wahrzeichen der Stadt

Nach einem weiteren Stadtrundgang, natürlich in „swatter Kledage“, und einem Meeting der Ex-Älterleute beginnt um 20 Uhr das eigentliche Gildenfest im Kaisersaal. Wenn dann „de Sünn untergeiht“, versammelt sich Bad Bramstedt um den Roland. Nach den Reden und Grußworten von Gildevorstand, der Prominenz aus Politik und Verwaltung und dem Absingen des plattdeutschen „Bramstedter Leeds“ sowie des Schleswig-Holstein-Liedes wird endlich das Vermächtnis von Jürgen Fuhlendorf eingelöst, wenn die festlich gekleideten Bürger unter musikalischer Begleitung der „Pannkookenkapell“, eine Auskopplung des BT-Orchesters, um das Wahrzeichen der Stadt tanzen.

Im Kaisersaal klinkt dann bis in die frühen Morgenstunden die Gildezeit 2018 aus. Dabei wird das große Geheimnis gelüftet, wer nach Burkhard Reck das „Amt“ des neuesten „1. Jüngsten“ erhält.

Weitere Infos unter www.fleckensgilde.de