Sie bringt Streithähne zusammen an einen Tisch

Ursula Michalak (67) geht als Schiedsfrau in die zweite Amtszeit und möchte auch in den kommenden fünf Jahren Streithähne versöhnen. Foto: stm

Bad Segeberg. (stm) „So – wie kriegen wir jetzt die Kuh vom Eis?“ Oft startet Ursula Michalak mit dieser Frage, wenn sie zwei Streithähne am Tisch hat. Seit fünf Jahren ist sie als Schiedsfrau in Bad Segeberg aktiv. Jüngst hat die Stadtvertretung sie für eine zweite Amtszeit gewählt. 

Die 67-Jährige sorgt mit ihrer Arbeit dafür, dass sich die Gerichte nicht mit Fällen abgeben müssen, die man mit gesundem Menschenverstand und ein wenig gutem Willen auch ohne Richter lösen kann. „Ich versuche zu ermitteln, wie man einen Kompromiss hinbekommt, bei dem beide Seiten erhobenen Hauptes rausgehen können.“ Das ist oft gar nicht so einfach, aber Ursula Michalak übt dieses Ehrenamt voller Engagement aus. „Ich helfe den Leuten gern.“ 

Als langjährige Gymnasiallehrerin und Kommunalpolitikerin verfügt sie über eine Unmenge an Erfahrung mit schwierigen und verfahrenen Situationen. Außerdem hat sie zehn Jahre lang als Schöffin – also als ehrenamtliche Richterin – im Bad Segeberger Amtsgericht gearbeitet. Inzwischen ist sie mit dieser Aufgabe beim Kieler Landgericht angesiedelt. Sie weiß, wie nervenaufreibend und kostspielig ein Prozess werden kann; daher ist es als Schiedsfrau ihr Anliegen, genau so etwas zu vermeiden. „Unser oberstes Gebot ist: Schlichten statt Richten.“ Oft werden die Konfliktparteien vom Amtsgericht oder auch dem Ordnungsamt im Bad Segeberger Rathaus darauf hingewiesen, dass sie sich zunächst einmal an die Schiedsfrau wenden können. 

„In den meisten Fällen ist es ein Nachbarschaftsstreit“, erzählt Michalak. Mitunter hat sie es mit Klassikern zu tun: Ein Baum ragt leichtfertig über die Grundstücksgrenze, rücksichtsloses Laub weht ohne Gewissensbisse in einen fremden Garten oder ein ordnungsgemäß verrottender Komposthaufen beleidigt die Nase des Nachbarn. Wer mit solcherlei Problemen nicht sofort im Amtsgericht stehen möchte, kann unter Tel. 04551/3956 bei Ursula Michalak anrufen. „Zunächst einmal erkläre ich den Leuten, wie solch ein Schiedsfall abläuft.“ Derjenige, der eine Beschwerde vorbringt, muss ganz formlos per Brief oder E-Mail einen Antrag für ein Schiedsverfahren verfassen. Darin sind zwei Punkte entscheidend: Welches Problem gibt es? Was soll durch das Verfahren erreicht werden? Außerdem muss der Antragsteller 50 Euro zahlen – aber das ist deutlich weniger als bei jedem Gerichtsverfahren inklusive Anwaltskosten. In dem Betrag sind neben einer üblichen Schiedsgebühr auch Fahrtkosten und eine Pauschale für Kopien und Schriftverkehr enthalten. Ist das Schreiben eingegangen, ruft Michalak den Menschen an, den der Schuh drückt – und stellt gleich die wichtigste Frage: „Haben Sie denn schon mal mit Ihrem Antragsgegner gesprochen?“ Verblüffend oft lautet die Antwort „Nein“. Der Andere weiß noch gar nicht, dass er jemanden piesackt. Die Schiedsfrau ermutigt den Antragsteller dann, einmal selbst das Gespräch zu suchen. Häufig stößt diese Anregung auf fruchtbaren Boden. Wenn aber Hemmungen bestehen, klinkt sie sich ein. Meist lassen sich derlei Probleme innerhalb kurzer Zeit aus der Welt schaffen. „Wir nennen das Tür-und-Angel-Fälle.“ Sie werden im Jahresbericht vermerkt – und abgehakt. 

Schiedstermine sind verpflichtend

Mitunter geht es aber nicht ganz so leicht. Dann wird doch ein offizieller Schiedsfall daraus. Als solcher wird er in einem Besprechungszimmer im Rathaus verhandelt. Dort setzen sich der Antragsteller und sein Gegner gemeinsam mit Ursula Michalak an einen Tisch. Was viele nicht wissen: „Man ist verpflichtet, zu solch einem Termin zu kommen“, sagt Michalak. Wenn einer kneift, kann sie ein Ordnungsgeld zwischen 20 und 50 Euro gegen ihn verhängen. „Das ist auch schon passiert.“ Ein Attest kann kurzfristig helfen, aber dann wird eben ein neuer Termin anberaumt. Jede der beiden Parteien darf einen Begleiter mit ins Rathaus bringen. Mitunter ist das ein Anwalt. „Mehr als eine Person akzeptiere ich aber nicht.“ Auf Fortbildungen hat Ursula Michalak gelernt, wie solche Konfliktgespräche zu führen sind und welche gesetzlichen Grundlagen gelten. Die Seminare befassen sich mit Nachbarschafts- und Zivilrecht oder auch Mediation im Allgemeinen. Voraussetzung für ein Schiedsverfahren ist im übrigen, dass noch kein Rechtsstreit bei Gericht vorliegts. Etwa die Hälfte der Fälle kann die Schiedsfrau bei solch einem Termin zu einem einvernehmlichen Ende führen. In solch einem Fall erhält Michalak eine geringe Vergleichsgebühr. „Für alles Andere bekomme ich null Euro.“ Sollten sich die verhärteten Fronten nicht aufweichen lassen, stellt die 67-Jährige eine Erfolglosigkeitsbescheinigung aus – und oft geht der Fall vor Gericht. Dort kann der Antragsteller darauf verweisen, dass er eine gütliche Einigung versucht hat. 

Feste Sprechstunde am Mittwoch

Künftig will sie eine feste Sprechstunde im Rathaus anbieten, bei der sich jeder ohne Anmeldung zum persönlichen Gespräch einfinden kann. Das ist am Mittwoch, 23. Oktober, von 17 bis 18 Uhr in Raum 1.19 des Rathauses möglich. Ursula Michalak freut sich über ihre Wiederwahl und auf die nächsten fünf Jahre. Und ein wenig spielt auch ihre Familiengeschichte in die Tätigkeit als Schiedsfrau hinein. „Mein Vater hat in Bad Homburg vor der Höhe im Amtsgericht gearbeitet“, sagt sie. „Er war Rechtspfleger. Ich denke, dass er sich freuen würde über das, was ich jetzt mache.“